Religion in Saudi-Arabien | Drucken |

 

herausgegeben von
Prof. Dr. Markus Porsche-Ludwig, Universität Hualien (Taiwan)
Prof. Dr. Jürgen Bellers, Universität Siegen

 

1. Religion und deren Geschichte

Der Islam ist Staatsreligion in Saudi-Arabien. Mit der Beherbergung der heiligen Stätten des Islam, Mekka und Medina, nimmt das Land eine besondere Bedeutung für die Muslime in der Welt ein. Mit der Schaffung und Annahme des Titels „Hüter der Heiligen Stätten“ suchte sich König Fahd 1985 eine islamische Legitimität zu verschaffen, zugleich zeigt sich hierin die besonders enge Verzahnung von gesellschaftlicher Herrschaft und dem Wahhabismus als spezifischer und in Saudi-Arabien dominierender Richtung des Islam.

Nach dem Tode des Propheten Muhammad 632 und mit der Ausweitung der muslimischen Glaubensgemeinde hatte sich der Islam im historischen Verlauf in vielfältige unterschiedliche Interpretationen und Praxen ausdifferenziert. Am Beginn standen unterschiedliche Auffassungen über die rechtmäßige Nachfolge des Propheten, hieraus entwickelte sich das historische Schisma zwischen Sunniten und Schiiten mit seinen unterschiedlichen Auffassungen über die legitimen Quellen des Islam und divergierenden religiösen Praxen. Unterhalb dieser Spaltung entwickelten sich schließlich seit dem 8. Jh. durch unterschiedliche Richtungen der Auslegung des islamischen Rechts durch lokale Juristenzirkel die so genannten Rechtsschulen, die regional unterschiedlich relevant blieben. Unter den Bedingungen von Kolonialismus und Imperialismus bildete sich schließlich in der zweiten Hälfte des 19. Jh. der so genannte Reformislam heraus. Dessen Gründungsväter verorteten die Ursache für eine als erniedrigend empfundene, attestierte intellektuelle Rückständigkeit ihrer Gesellschaften in einem verkrusteten Islamverständnis, einhergehend mit einer Kritik an den als überholt begriffenen Normensystemen der etablierten Rechtsschulen. Die Reformislamer plädierten für eine freiere, zeitgemäße Interpretation der islamischen Quellen, die Überwindung der Starrheit der Rechtsschulen und die Legitimität der individuellen Meinungsbildung (Igtihad) durch den intellektuellen Rückgriff auf die islamischen Quellen und die gezielte Auswahl und Interpretation von als für die Gegenwart relevant erachteten Inhalten.

In Saudi-Arabien entwickelte sich aus der sehr puristisch-wertkonservativen, aber wirtschaftsliberalen Schule der Hanbaliten (nach Ahmad ibn Hanbal (780-855)) im 10. Jh. unter intellektueller Führung Muhammad Abd al-Wahhabs (1703-1791), der sich seinerseits auf Ibn Taimiya (gest. 1328) bezog, eine Reformbewegung, die zunächst nur von ihren Gegnern als Wahhabismus bezeichnet wurde. Zur vorherrschenden Richtung des Islam in Saudi-Arabien entwickelte sich der Wahhabismus durch einen historischen Machtpakt in der Mitte des 18. Jh., als Abd al-Wahhab dem damaligen lokalen Emir in Dir’iya / Najd, Muhammad B. Saud als Gegenleistung für die Annahme und Verbrei­tung der wahhabitischen Lehre religiöse Legitimität zusicherte. Der Pakt zwi­schen Religion und Politik gedieh erfolgreich bis zur Ausweitung auf das heutige Staatsgebiet Saudi-Arabiens, und blieb bis in die Gegenwart hinein erhalten. Seit den 1990er Jahren zeigen sich Tendenzen einer Lockerung des Bündnisses in erweiterten Freiheiten für die Schiiten und Sufis im Lande.

Der Islam ist eine der großen Offenbarungsreligionen. Nur im Koran als historisch jüngster Offenbarung ist das Wort Gottes nach muslimischer Auffassung aber unverfälscht enthalten. Das Wort Islam bedeutet übersetzt „Unterwerfung“ (unter den Willen Gottes). In diesem Sinne ist jeder gläubige Monotheist Muslim / Muslima.

Zu den wichtigsten Elementen der Lehre des Wahhabismus gehört einerseits die Ablehnung vieler der zu Lebzeiten des Propheten unbekannten Praxen des Glaubens und des Lebens, wie der Heiligenverehrung in Form der Errichtung von Mausoleen und Andachtsstätten, der Praxis von Fürbitten, das Feiern von Geburtstagen, selbst des Propheten Muhammad. Eben hieraus ent­wickelte sich in der modernen saudi-arabischen Religions-/Politikge­schichte der bedeutendste Konflikt zwischen der Wahhabiya und den Schiiten des Landes, deren Lehren und Rituale entgegengesetzt sind. Andererseits wird die Trennung der Muslime in Rechtsschulen abgelehnt. An die Stelle der historisch entstandenen islamischen Rechtswissenschaft (fiqh) wird das Prinzip der eigenständigen Rechtsfindung des Individuums (Igtihad) und der direkte Rückbezug auf den Koran (Offenbarung) und die Sunna (Überlieferungen des Propheten) gerückt. Während der Rückbezug auf die islamischen Quellen in Bezug auf individuelle und soziale Normen und Werte innerhalb der saudi-arabischen Wahhabiya kompromisslos konservativ ist, was zu so viel diskutierten Problemen wie dem Verbot des Autofahrens für Frauen führt, gestaltet sich die Lehre im Bereich der wirtschaftlichen und politischen Strukturen der Gesellschaft und des Staates als recht liberal und offen, verbindliche theo­logische Vorgaben hierzu wurden nicht entwickelt.

2. Statistiken und Organisationen

Die etwa 27 Mio. Einwohner Saudi-Arabiens (davon 7 Mio. ausländische Gast­arbeiter) gelten als nahezu vollständig dem Islam angehörig, gesicherte Zahlen über die Religionszugehörigkeiten existieren jedoch nicht. Schätzungen beziffern die Zahl der schiitischen Muslime auf 8-15 %, in der ölreichen Ostprovinz bilden sie mit 30-50 % die Bevölkerungsmehrheit. Neben dieser so genannten Zwölferschia (mit Glaubensbrüdern und -schwestern in Bahrain, Iran und Südirak) leben Angehörige der Siebenerschia (Ismailiten) in Najran an der Grenze zum Jemen, zudem gibt es eine geringe Zahl von schiitischen Zaiditen. Die überwiegende Mehrheit der saudi-arabischen Muslime gehört dem sunnitischen Islam an, und hier wiederum vorwiegend der wahhabitischen Richtung.

Der Islam spielt eine wichtige Rolle in der politisch-legitimatorischen Orga­nisations- und Infrastruktur des Landes. Art. 1 des verfassungsähnlichen, saudi-arabischen „Grundgesetzes der Herrschaftsausübung“ bezeichnet den Islam als Religion des Königreiches, und Koran und Sunna als seine Verfassung. Die Staatsform wird als Monarchie säkular definiert, in ihrer Einschränkung durch das islamische Recht der Sharia aber lediglich religiös begrenzt (Art. 5 und 6). An der Spitze der religiösen Infrastruktur des Landes steht der staatliche ernannte Großmufti als einflussreichster religiöser Gelehrter. Ihm unterstehen die 1953 gegründete „Verwaltung des religiösen Gutachterwesens und Aufsicht über die religiösen Angelegenheiten“ als Einrichtungen der zentralen Kontrolle des religiös-rechtlichen Gutachterwesens und der 1971 ge­grün­dete „Rat der hochrangigen Gelehrten“, dem wichtigsten religionspoliti­schen Gremium im Lande, dem alle hochrangigen wahhabitischen Gelehrten angehören.

Die politische Funktion der führenden wahhabitischen Gelehrten, die Herrschaft des Hauses Saud religiös zu legitimieren, führte zuletzt Anfang der 1990er Jahre als die Entscheidung der Regierung, US-Truppen und damit Ungläubige zum Schutz der heiligen Stätten ins Land zu holen, zu Konflikten mit der Reinheit der wahhabitischen Lehre und zur Herausbildung unabhängiger islamischer Oppositions-Organisationen in dem Land, in dem politische Organisationen grundsätzlich verboten sind. Während die zivil agierenden islamischen Oppositionsbewegungen inzwischen weitgehend zerschlagen sind oder aus dem Londoner Exil agieren, schlossen sich militante Gruppen mit dem Ziel eines gewaltsamen Sturzes des Hauses Saud Usama Bin Laden an.

Der Pakt zwischen Religion und Politik zieht sich auch quer durch die national und meist zugleich international tätigen religiösen Wohlfahrtsorganisationen. Organisationen wie die „Internationale Hilfsorganisation“ (IHO) oder die „Wohl­fahrtsorganisation der beiden Heiligen Stätten“ profitieren sowohl ideell von der bei gläubigen Muslimen tief verwurzelten sozialen Gerech­tigkeitsethik des Islam als auch materiell durch eine auch staatlicherseits großzügige, und zumindest in der Vergangenheit kaum kontrollierte Unterstützung. Insbesondere auf der internationalen Ebene ist dabei die soziale Orientierung mit der religiösen Missionierung im wahhabitisch-saudischen Interesse untrennbar verbunden. Die wichtigste international tätige religiös-politische Organisation ist die bereits 1962 gegründete „Liga der islamischen Welt“. Sie hat ihren Sitz in Mekka, wird geleitet von einem 62 Mitglieder zählenden Rat der Gelehrten unter Vorsitz eines saudi-arabischen Staatsbürgers und finanziert von der saudi-arabischen Regierung, im Durchschnitt unterschiedlicher Schätzungen mit etwa 100 Mrd. US$ seit Mitte der 1970er Jahre. Neben der IHO gehören ihr der „Islamische Rechtsrat“ sowie der „Hohe Rat für Moscheen“ an. Sie unterhält ein umfangreiches, international tätiges Netz von Öffentlichkeitsarbeit, betreibt Pressedienste, fördert islamische Kultureinrichtungen, vertreibt kostenlose Koranübersetzungen und fördert über den „Hohen Rat für Moscheen“ (gegr. 1975) den Bau von Moscheen und die Tätigkeit muslimischer Stiftungen.

Die religiöse Missionierung der Liga und der von ihr unterstützten Organisationen ist eingebunden in die soziale Betreuung von Exilmuslimen in Europa, Asien und den USA, karitative Arbeit in Kriegs- und Krisengebieten (z.B. Bosnien und Kosovo), sowie die direkte materielle und organisatorisch-inhaltliche Unterstützung und Anleitung islamischer Wohlfahrtsorganisationen in islamisch geprägten Ländern, wie etwa der Jamiyat Ansar Al-Sunna in Ägypten.

3. Bedeutsame Theologen und ihre Lehren

Bedeutsamster Theologe im engeren Sinne einer philosophisch-ethischen Prägung der dominierenden Richtung des wahhabitischen Islam in Saudi-Arabien ist Muhammad Abd al-Wahhab. Abd al-Wahhab entwickelte eine Reformtheologie, um den Islam von als Fehlentwicklungen empfundenen historischen Tendenzen zu bereinigen, rief dabei nach eigenem Selbstverständnis aber lediglich zur Befolgung der Lehre des Ahmad Ibn Hanbal (gest. 855) auf. Die bedeutendsten späteren, an die Lehre Abd al-Wahhabs anknüpfen­den Gelehrtenfamilien Saudi-Arabiens sind die Al as-Sayh, Al Atiq, Al Salim, Al Mani, und Al Qadi. Bekannte moderne Gelehrte Saudi-Arabiens waren Abd al-Aziz Ibn Baz undMuhammad Ibn Uthaymin. Der gegenwärtige Mufti (oberster geistiger Gelehrter), Scheich Abd al-Aziz Bin Abdullah Al as-Sayh, hat sich wiederholt gegen den Terrorismus ‚als Angriff und Diskreditierung des Islam’ gewandt.

Der bekannteste gegenwärtige Gelehrte der Schiiten Saudi-Arabiens ist Hasan as-Saffar. Er vertritt einen sehr liberalen, am Konzept der Religionsfreiheit orientierten theologisch-politischen Ansatz und war 2008 als einziger Vertreter der schiitischen Gemeinschaft Saudi-Arabiens zur internationalen, interkonfessionellen Konferenz muslimischer Religionsgelehrter in Mekka zur Vorbereitung der „Weltkonferenz für den interreligiösen Dialog“ in Madrid eingeladen. Der bekannteste Sufi-Gelehrte Saudi-Arabiens ist gegenwärtig Muhammad Alawi Maliki.

4. Literaturtitel 

M.J. Alshamsi, Islam and Political Reform in Saudi Arabia. The quest for political change and reform, New York 2011.

M. Ayoob / H. Kasebalaban, Religion and Politics in Saudi Arabia. Wahhabism and the State, London 2009.

Ch. Dinkelaker, Im Osten nicht Neues? – Zur Situation der Schia in Saudi-Arabien. In: U. Freitag (Hrsg), Saudi-Arabien im Wandel?, Paderborn 2010, S. 189-220.

G. Endreß, Der Islam. Eine Einführung in seine Geschichte, 1997.

E. Peskes / W. Endres, Artikel „Wahhābiyya“, in: Encyclopaedia of Islam, Second Edition. Edited by: P. Bearman; , Th. Bianquis; , C.E. Bosworth; , E. van Donzel; and W.P. Heinrichs. Brill, 2011. Brill Online.

G. Steinberg, Religion und Staat in Saudi-Arabien. Die wahhabitischen Gelehrten 1902-1953, Würzburg 2002.

 

AUTORIN: Ingrid El Masry

 Dr. Ingrid El Masry ist interdisziplinär ausgebildete Politikwissenschaftlerin mit dem Regionalschwerpunkt Naher und Mittlerer Osten am Institut für Politikwissenschaft und am Centrum für Nah- und Mitteloststudien (Abteilungen Politik und Wirtschaft) der Philipps-Universität Marburg. Sie promovierte über die politisch-ökonomischen Grundlagen der Soziogenese des altägyptischen Staates in komparativer Perspektive. Sie war Vertretungsprofessorin an der Universität Tübingen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich des sozialen Wandels  und der Entwicklungs- und Transformationsforschung des arabischen Raums in interdisziplinärer Perspektive.