Religion in Sierra Leone | Drucken |

 

herausgegeben von
Prof. Dr. Markus Porsche-Ludwig, Universität Hualien (Taiwan)
Prof. Dr. Jürgen Bellers, Universität Siegen

 

1. Religion und deren Geschichte, Statistiken und Organisationen

Sierra Leone ist stolz auf die bestehende religiöse Toleranz und den friedlichen Dialog zwischen den verschiedenen Religionsvertretern. Nicht selten nehmen Anhänger verschiedener Religionen an wichtigen religiösen Festtagen untereinander teil[1]. Auch gemischte Hochzeiten sind keine Seltenheit und eine Trennung der Schulen nach Religionszugehörigkeit wird vom Staat untersagt.

Von den ca. 5,9 Mio. Einwohnern Sierra Leones sind die meisten Anhänger des Islams (ca. 60-70%). Schätzungsweise 10 bis 30% sind Christen[2] und ca. 5 bis 30% sind Anhänger der traditionellen afrikanischen oder anderen Religionen, wie z.B. dem Hinduismus.

Hinsichtlich der Religionszugehörigkeit der 16 verschiedenen Ethnien lässt sich festhalten, dass vor allem der Norden und Osten muslimisch geprägt ist, wohingegen christliche Anhänger verstärkt im Süden und Westen von Sierra Leone anzutreffen sind.

Die beiden größten Ethnien sind die Temne (35%) im Nordwesten und die Mende (31%) im Nordosten. Weitere Ethnien in Sierra Leone sind die Limba (8,5%), Mandingo (7%), Loko (2%) und Soso im Nordwesten sowie die Kono (5%), Koranke, Kissi, Yalunka/Fula (8%) im Nordosten und die Krim, Gola, Vai/Gallinas im Süden. Im Westen leben die Krio (ca. 1-5%), bei denen es sich um ehemalige freigelassene Sklaven aus Großbritannien, Nordamerika sowie Jamaika handelt. Die überwiegende Mehrzahl der Temne, Fula, Mandingo, Susu, Loko, Kono, Koranke, Kissi, Yalunka und Krim sind demnach Muslime, während sich die meisten Christen unter den Krio befinden.

Der Islam in Sierra Leone 

Die Verbreitung des Islams in Sierra Leone erfolgte zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert durch Mande-Muslimhändler, die sich auf der Suche nach Land und neuen Handelsbeziehungen in den an Guinea angrenzenden Bereich entlang der Handelsrouten ansiedelten. Als ein erfolgreiches instrumentelles Werkzeug zur Einführung islamischer Institutionen und Konzepte stellten sich neben den fruchtbaren Handelsbeziehungen die praktizierten Ehe­schließungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen dar.

Des Weiteren wanderten kleine Gruppen von Fula- und Mandingo-Händlern im 18. Jh. vom südlichen Sudan aus kommend nach Sierra Leone ein und errichteten Schulen, um die indigene Bevölkerung in den Lehren des Islams zu unterrichten.

Bis zur Gründung der britischen Kolonie 1808 in Freetown war der Islam neben der traditionellen afrikanischen die dominierende Religion in Sierra Leone. Vor allem in den Jahren von 1730 bis 1740, in denen der Krieg zwi­schen den Fula und Yalunke um ökonomischen und politischen Einfluss tob­te, konvertierten viele Menschen im Norden Sierra Leones zum Islam. Schließlich resultierte aus den kriegerischen Auseinandersetzungen, die unter dem Namen „Futa Jallon Jihad“ bekannt geworden sind, eine signifikante Welle muslimischer Einwanderer nach Sierra Leone.

Trotz der statistisch hohen Anhängerzahlen von 60-70% ist Sierra Leone kein muslimischer Staat.

Die meisten Muslime sind Anhänger einer abgewandelten Form des sunniti­schen Islams, der traditionelle religiöse Praktiken (↑traditionelle afrikanische Religion in Sierra Leone) zulässt und z.T. mit einbezieht. Dies lässt den Islam für viele akzeptabel und ansprechend erscheinen, was erheblich zu seiner Verbreitung beigetragen hat. In manchen Gemeinschaften üben islamische Gelehrte sogar die Schlüsselfigur in der Zelebrierung traditioneller Rituale aus.

Ein geringer Teil der muslimischen Bevölkerung gehört der in Pakistan beheimateten Ahmadiyya-Bewegung an, die von vielen strengen Muslimen nicht als islamisch anerkannt wird, in Sierra Leone jedoch mit den anderen islami­schen Gruppen zusammenarbeitet und eine rege Missionstätigkeit, z.B. durch den Bau von Schulen und Krankenhäusern, unterhält.

Das Christentum in Sierra Leone 

Das Christentum in Sierra Leone ist in hohem Maße durch die Vielzahl der Anhänger protestantischer Kirchen geprägt (u.a. Baptisten, ökumenische, Anhänger der Pfingstbewegung, - der Überkonfessionellen Kirchen, - der afrikanischen unabhängigen Kirche, den Siebenten-Tags-Adventisten).

Die ersten protestantischen Gläubige, die 1792 Sierra Leone erreichten, waren befreite Sklaven bzw. baptistische Loyalisten aus Nova Scotia[3]. 1800 folgten ihnen die Maroons, Anhänger der „Wesleyan Methodist Church“, die nach erfolgreicher Rebellion in Jamaika von der britischen Regierung ebenfalls über Nova Scotia nach Sierra Leone gebracht worden waren.

Mit der Gründung der britischen Kolonie in Freetown 1808 und dem Verbot der Sklaverei ab 1807, in deren Folge zahlreiche baptistische, methodistische, kongregationalistische Missionare sowie befreite Sklaven christlichen Glaubens nach Sierra Leone gelangten, wuchs der Einfluss des Christentums in Sierra Leone stetig an. Die britische Kolonie Freetown wurde geradezu zu einem Missionszentrum für ganz Westafrika; beispielsweise bildete die anglikanische Kirche und die ab 1811 aus den USA kommenden Freikirchen ein „United Christian Council“ mit Verbindungen zum Weltkirchenrat in Genf.

Einzig die seit 1947 in Sierra Leone bestehende „Church of the Lord“ (Aladura) kombiniert dabei christliche Elemente mit denen der traditionellen afrikanischen Religion. Sie gehört inzwischen zu einer der bedeutendsten afrikanischen unabhängigen Kirchen mit exponentiellen Mitgliederzahlen.

Missionsbestrebungen der römisch-katholischen Kirche in Sierra Leone sind bereits für das Jahr 1605 dokumentiert. Frustriert über die mangelnde Be­reitschaft der indigenen Bevölkerung zu konvertieren, kehrten die katholi­schen Prediger jedoch 1610 nach Portugal zurück. Erst ab der Mitte des 19. Jh. erfolgten erneut katholische Missionaraktivitäten in Sierra Leone mit der Gründung des Vicariate Apostolic of Sierra Leone in Freetown (13.04.1858) (↑bedeutsame Theologen und ihre Lehren).

Traditionelle afrikanische Religion in Sierra Leone 

Die traditionelle afrikanische Religion ist integraler Bestandteil der Kultur und des gesellschaftlichen Lebens in Afrika. Viele Muslime und Christen in Sierra Leone praktizieren neben ihrer Glaubensausübung in der Moschee oder in der Kirche ihren traditionellen Glauben. Selbst hochrangige Staatsmänner bedienen sich der traditionellen afrikanischen Religion. Heilige Männer sollen ihnen dabei mit Hilfe spiritueller Praktiken zu politischer Macht oder ihrem Machterhalt verhelfen[4].

Anders als der Islam und das Christentum handelt es sich bei der traditionellen afrikanischen Religion um keine Buchreligion. Ihre Glaubenssätze werden durch mündliche Überlieferungen übertragen. Allen ethnischen Gruppen gemeinsam ist der Glaube an ein „höchstes Wesen“, das sich durch Transzendenz, Omnipräsenz, Allwissenheit und eine umfassende Schöpferkraft auszeichnet sowie Herrscher über den gesamten Kosmos ist.

Die Mende nennen es „Ngewoh“, die Temne „Kuru Masaba“, die Limba „Kanu Masala“ oder „Father“, die Kono „Meketa“ und die Krio „Father God“.

Neben der zentralen Figur des „höchsten Wesens“ spielen die Ahnen eine zentrale Rolle in der afrikanischen Religion. Die Mende u.a. glauben, dass die Ahnen für das Wohl ihrer Familie sorgen und in enger Beziehung zu Gott stehen. Sie wohnen zumeist in spirituell durchdrungenen Gegenständen, wie z.B. einem besonderen Stein oder bestimmten Baum außerhalb der Stadt bzw. des Dorfes.

Des Weiteren existieren im Verständnis der Anhänger der traditionellen afrikanischen Religion spirituelle Geister, zu denen neben den Ahnen Naturgeister oder auch Engel (Limba) zählen, die verschiedene Bestimmungen besitzen. Einige sind gut und hilfreich, andere wiederum böse. Sie können durch Opfergaben milde gestimmt werden oder man dankt ihnen durch das Darreichen der wichtigsten Opfergaben. Zu diesen zählen: Wasser, Kolanüsse, eine zubereitete Mischung aus Reis, Reismehl und Zucker oder ein gekochtes Mahl. Zum Teil wird auch Alkohol als Opfergabe verwendet.

Darüber hinaus ist der Glaube an Magie und Hexerei, Talismane, Schwüre, Erscheinungen und Träume ein elementarer Bestandteil der traditionellen afrikanischen Religion, worüber in der Öffentlichkeit nur ungern gesprochen wird.

Traditionelle afrikanische Religion als Beitrag zum Friedensprozess und in der Versöhnungsarbeit

Während des blutigen Bürgerkrieges in Sierra Leone (1991-2002) konnten auf Vermittlung der religiösen Führer Gespräche über einen möglichen Friedens­prozess mit Anhängern der Regierung und der RUF stattfinden. Im April 1997 wurde unter anderem zu diesem Zweck das „Interreligious Council of Sierra Leone“ (IRCSL) gegründet.

Hilfsorganisationen wie z.B. Caritas beziehen bewusst religiöse Führer der traditionellen afrikanischen Religion in ihre Arbeit mit ein, da diese durch das Zelebrieren spiritueller Praktiken die Reintegration von Kindersoldaten befördern können und somit einen wertvollen Beitrag für die Versöhnungsarbeit in Sierra Leone leisten.

2. Bedeutsame Theologen und ihre Lehren 

Balthazar Barreira (1531[?]-1612): Portugiesischer Jesuit und Missionar, der ab 1605 Missionsaktivitäten unter den Susu verbreitet hat. Sein Ziel war es, in Sierra Leone ein Missionszentrum für ganz Westafrika aufzubauen. Bereits 1610 Rückkehr nach Portugal[5].

Melchior de Marion Bresillac (1813-1859): Römisch-katholischer Bischof, der am 8.12.1856 die römisch-katholische Glaubensgemeinschaft in Sierra Leone gründete, welche unter dem Namen „Societas Missionum ad Afros“ (SMA) bzw. „Society of African Missions“ bekannt geworden ist. Am 13.04.1858 wurde die Gemeinschaft in das „Vicariate Apostolic of Sierra Leone“ umgewandelt. Bressilac starb wie viele andere Missionare innerhalb kürzester Zeit an Gelbfieber, woraufhin von der römisch-katholischen Kirche vorerst keine Missionare mehr nach Sierra Leone entsandt wurden. Ab 1864 Verwaltung des „Vicariate Apostolic of Sierra Leone“ von der Heiligen Geist-Gemeinde in Sierra Leone, unterstützt von der St. Joseph Schwesternschaft Cluny[6].

Samuel Ajavi Crowther (1809-1891): Als Kind der Yoruba von Fula-Händlern an Sklavenbetreiber verkauft und anschließend von britischen Seeleuten befreit, erfährt Crowther eine Ausbildung durch die „Anglican Church Missionary Society“ in Sierra Leone, konvertiert 1825 zum Christentum und wird Baptist. Anschließend Überfahrt nach London, Prediger der „Christ’s Church“ in London und Berufung zum Ordinar in der „Canterbury Cathedral“. Rückkehr nach Freetown 1827, wo er einer der ersten und berühmtesten Absolventen des neu gegründeten Fourah Bay College wird, an dem er Latein, Griechisch und Temne studiert. Nach Teilnahme an einer Niger-Expedition 1841 Übersetzung der Bibel ins Yoruba. Im Verlauf seines Lebens Entwicklung eines Alphabets für die zahlreichen Sprachen und Dialekte der nigerianischen Sprachfamilie. 1859 wird Crowther der erste nigerianische Bischof, 1864 Ernennung zum Bischof der anglikanischen Kirche in Afrika und ebenfalls 1864 Erhalt der Doktorwürde in Theologie der Universität Oxford. Crowther, obwohl überzeugter Christ, war stets bemüht um den Dialog und das Verständnis für islamische Glaubensanhänger. In seinen Predigten starke Betonung des Verbots der Sklaverei. Trotz engem Kontakt zur britischen Kolonialregierung Glaube an eine Einbeziehung traditioneller religiöser Praktiken in die Ausübung des Christentums in Afrika[7].

3. Literaturtitel 

Abraham Arthur: An Introduction to the pre-colonial history of the Mende of Sierra Leone (= African Studies, Vol. 67). Lewiston/ N.Y. 2003.

Christiane Braun: Sierra Leone. Gesellschaft, Kultur und Religion. 2011. URL:http://liportal.inwent.org/sierra-leone/gesellschaft.html. Stand: 21.02.2012.

Prince Sorie Conteh: Traditionalists, Muslims, and Christianity in Africa. Interreligious Encounters and Dialogue. New York 2009.

R.H. Finnegan: Survey of the Limba People of Northern Sierra Leone (= Overseas Research Publication, No. 8). London 1965.

Christopher Fyfe: Four Sierra Leone recaptives. In: Journal of African History, 11 1961, H. 1, S. 77-85.

T.N. Goddard: The Handbook of Sierra Leone. London 1925.

Karl-Heinz Pfeffer: Sierra Leone (= Die Länder Afrikas, Bd. 11). Bonn, 2. Aufl., 1976.

Harry Sawyerr: God: Ancestor or Creator? Aspects of traditional belief in Ghana, Nigeria and Sierra Leone. London 1970.

Rosalind Shaw: The Politician and the Diviner. Divination and the Consumption of Power in Sierra Leone. In: Journal of Religion in Africa, Vol. XXVI 1996, H. 1, S. 30-55.

 

Anmerkungen 

[1] In Sierra Leone feiern Muslime mit ihren christlichen Nachbarn Weihnachten, Ostern und andere kirchliche Feiertage und Christen nehmen an den Feierlichkeiten zum Ramadan, Idul-Fitri, Idul Adha, Maulidu’l-Nabi teil. Die Prince of Wales Secondary School fährt am Thanksgiving-Feiertag zuerst zur zentralen Moschee und anschließend in die zentrale christliche Kirche.

[2] Wie Karl-Heinz Pfeffer treffend anmerkt „(...) ist die Zahl der Christen kaum mit Genauigkeit anzugeben, weil verschiedene Methoden zur Zählung der Kommunikanten, Gottesdienstbesucher, registrierte Gemeindeglieder oder Getauften bestehen“. (Pfeffer, 1976, 99)

[3] Zum Dank für ihre Unterstützung im amerikanischen Unabhängigkeits­krieg hatte die britische Regierung ihnen ihre Freiheit geschenkt und ein Stück Land versprochen. Nach ihrer Ankunft in Nova Soctia mussten sie jedoch feststellen, dass man sie weiterhin auf dem Feld arbeiten lassen wollte, woraufhin eines ihrer Mitglieder, Thomas Peters, Beschwerde bei der briti­schen Regierung einlegte und die Nova Scotia durch die britische Regierung nach Sierra Leone gebracht wurden.

[4] Die beiden Limba-Führer der APC Partei zwischen 1968-1992, Sr. Siaka P. Stevens und Maj. Gen. Joseph S. Momoh, haben die Inanspruchnahme traditioneller Religiosität zur Machterlangung öffentlich gemacht.

[5] Gerald H. Anderson/W.B. Eerdmans (Hg.). Michigan 1998. Siehe: URL:http://www.dacb.org/stories/angola/barreira_balthazar.html. Stand: 02. 02.2012.

[6] Vgl. Kofi J. Agbeti: West African Church History. Christian Missions and Church Foundations: 1482-1919. Leiden 1986. S. 93ff.

[7] Vgl. Alys Beverton: Crowther, Bischop Samuel Adjai (1808-1891). In: blackPast.org. Remembered & Reclaimed. Taylor Quintard (Hg.). URL: http://www.blackpast.org/?q=gah/crowther-bishop-samuel-adjai-1809-1891. Stand: 24.02.2012.

 

AUTORIN: Monique Poggendorff

Monique Poggendorff, M.A. Politikwissenschaften, Rechtswissenschaften, Neuere Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.