Religion in Chile | Drucken |

 

herausgegeben von
Prof. Dr. Markus Porsche-Ludwig, Universität Hualien (Taiwan)
Prof. Dr. Jürgen Bellers, Universität Siegen

 

1. Religion und deren Geschichte

Menschliche Besiedlungen auf dem Territorium des heutigen Chile gibt es seit etwa 11.000 v. Chr. Ebenso weit reicht auch die Geschichte der indigenen chilenischen Religionen zurück, auch wenn sich eine präkolumbische Religionsgeschichte aufgrund des Fehlens schriftlicher Quellen nur schwer schreiben lässt. Herausstellen lassen sich jedoch die Charakteristika einzelner indigener Kulturen und deren religiöser Systeme, von denen einige im Folgenden exemplarisch herausgegriffen seien. Der Schwerpunkt der folgenden Darstellung liegt jedoch sowohl wegen der besseren Quellenlage als auch wegen dessen großer Bedeutung für das heutige Chile auf der Geschichte des Christentums.

Indigene Religionen

Für den Zeitraum ca. 8000­­/6000–2000 v. Chr. lässt sich an der nordchileni­schen Pazifikküste, besonders im Azapa-Tal bei Arica, die Chinchorro-Kultur nachweisen. Diese präkeramischen Fischer mumifizierten ihre Toten in einem aufwendigen Verfahren, bei dem die Knochen mit Holz verstärkt und die Gesichtszüge in Lehm modelliert wurden. Auch wenn über die Religion der Chinchorro nur spekuliert werden kann, so spielten doch Tod und Weiterexis­tenz der Toten eine zentrale Rolle darin. Auch bei den im heutigen Norden Chiles noch bedeutsamen indigenen Gruppen der Aymara (Verbreitung im ganzen hochandinen Gebiet von Bolivien, Südostperu, Nordwestargentinien und Nordchile) und bei den Atacameños (besonders im Gebiet von San Pedro de Atacama; Trockenmumien) spielt die Verehrung der »Vorfahren« (tata-abuelos) neben agrarisch-jahreszeitlichen Ritualen (heute meist verbunden mit dem Patronatsfest des Dorfheiligen) eine nicht unerhebliche Rolle.

Als die größte und bis heute wichtigste indigene Religion Chiles ist jedoch die der in Zentral- und v.a. in Südchile beheimateten Mapuche zu nennen. Diese hat ihren Ursprung vermutlich in Polynesien. Dem wichtigsten höheren Wesen namens Ngenechén wird sowohl die Erschaffung als auch die Erhaltung der Welt zugesprochen. Ngenechén hat androgyne Züge und umfasst in sich die Gegensatzpaarungen Frau/Mann bzw. Mutter/Vater (Ngenechén Kusé/Ngenechén Fuchá) sowie auch jung/alt. Als religiöse Spezialisten genossen und genießen bis heute die machi, die sowohl Frauen als auch Männer sein konnten (heute meist Frauen), wohl nicht nur bei den Mapuche ­selbst, sondern später auch bei der Bevölkerung iberischen Ursprungs – zumeist in ihrer Funktion als Heilerinnen oder Heiler – große Verehrung.

Christentum

Die Geschichte des Christentums in Chile beginnt Mitte des 15. Jahrhunderts, als die ersten spanischen Expeditionen vom Vizekönigreich Peru aus erfolg­reich nach Süden vordrangen. Vermutlich im Februar 1541 erreichte Pedro de Valdivia das Mapocho-Tal und gründete dort die spätere Hauptstadt »Santiago de la Nueva Extremadura«, benannt nach dem Apostel Jakobus d.Ä., der laut kolonialen Überlieferungen (z.B. Pedro Mariño de Lobera, »Crónica del Reino de Chile«) gemeinsam mit der Jungfrau Maria den Spaniern bei der Eroberung der »Neuen Welt« militärisch zur Seite gestanden haben soll. Trotz erbitterter Kämpfe mit der indigenen Bevölkerung, v.a. mit den militärisch starken Mapuche, gelang es den Conquistadoren in den folgenden Jahren nicht, ihr Gebiet über den Río Bío Bío im Süden hinaus auszudehnen. Dieser Fluss markierte bis ins 19. Jahrhundert die Grenze zum Land der Mapuche.

Die spanischen Eroberer, Missionare und Siedler brachten den nachreformatorischen iberischen Katholizismus mit dessen ausgeprägter Marienverehrung nach Chile. Seine institutionelle Form fand das Christentum in den beiden ältesten Bistümern des Landes, Santiago de Chile (1561) und Concepción (1563). Die Bischöfe waren gleichzeitig staatliche Amtsträger der Kolonialverwaltung im Rahmen des kirchlichen Patronats (patronato) der spani­schen Krone, innerhalb dessen auch die Mission bei der indigenen Bevölkerung stattfand. Eine zentrale Rolle im kirchlichen Leben der Kolonialzeit nahmen die religiösen Orden ein – Dominikaner, Franziskaner, Mercedarier und allen voran die Jesuiten. Erst 1593 kamen die ersten Patres der Gesellschaft Jesu nach Chile. Doch die Jesuiten sollten sich im Verlauf der folgenden Jahren nicht nur zum größten kirchlichen Großgrundbesitzer mit über 50 Landgütern, zahlreichen Werkstätten und Manufakturen sowie der einzigen Apotheke des Landes entwickeln, sondern auch zum zentralen Träger der höheren kirchlichen und säkularen Bildung (Colegio Máximo de San Miguel in Santiago) sowie zum Motor der Mission vor allem in Südchile mit Zentren in Concepción sowie auf der Insel Chiloé. Am 23. Oktober 1767 jedoch endete mit der Aufhebung der Jesuiten in Spanien durch König Karl III. und der nachfolgenden Ausweisung aller Patres die Geschichte des Ordens auch in Chile.

Die Begegnung der indigenen Kulturen und deren Religion mit den Conquistadoren war zunächst v.a. geprägt durch Gewalt und heterogene Machtverhältnisse. Doch der durch das Zusammentreffen präkolumbinischer und iberischer Religion in Gang gesetzte komplexe Prozess kulturellen Austauschs führte auf lange Sicht schließlich zur Entstehung eines neuen Phänomens: einem Katholizismus eigener chilenischer Prägung, wie man ihn analog in ganz Lateinamerika findet und der oft als »mestizaje« (»Mestizisierung«) be­zeichnet wird. Besonders augenscheinlich wird dies an der sogenannten »Volksreligion« bzw. religiosidad popular mit deren farbenfrohen Wallfahrten sowie den Marien- und Heiligenfesten. Eine interessante Spielart spezifisch chilenischer religiosidad popular, die sich Ende des 19. Jahrhunderts ausbildet, sind die sogenannten animitas (»kleine Seelen«). An Orten tragischer Todesfälle stellen meist Verwandte kleine, hausförmige Schreine auf, denn man vermutet die Seele in der Nähe des Sterbeorts und spricht manchen dieser animitas »Wundertätigkeit« zu.

Waren die Conquistadoren vor allem unter dem Schutz des Apostels Jakobus in die Schlacht gezogen, so kämpfte das chilenische Heer in den Unabhängigkeitskriegen 1813–1818 gegen die spanische Kolonialmacht unter dem Schutz der Jungfrau Maria als »Unserer Lieben Frau vom Berg Karmel« (»Nuestra Señora del Carmen«), die später zur Nationalpatronin wurde. Der 18.9.1810, an dem die erste gewählte chilenische Regierung (Junta de Gobierno) zusammentrat, gilt offiziell als Gründungstag der Republik Chile. Auch wenn diese nicht direkt das Erbe des königlichen Patronats antrat, so behielt doch die katholische Kirche ihre Vorrangstellung und ihren konstitutionell abgesicherten offiziellen Status. Erst mit der Verfassungsreform von 1925 kam es – nach langen Auseinandersetzungen – zur offiziellen Trennung von Kirche und Staat.

Anfang des 19. Jahrhunderts setzte eine erste religiöse Pluralisierung ein. Mit der Öffnung von vier Handelshäfen im Januar 1811 kamen erstmals einzelne Protestanten nach Chile. Dieser Trend verstärkte sich 1845 mit der Verabschiedung des »Gesetzes zur Ansiedlung ausländischer Einwanderer«, in dessen Folge zunehmend nicht-spanische und damit auch nicht-katholische Zuwanderer nach Chile kommen. Ein nicht unerheblicher Teil dieser Einwanderer waren norddeutsche Protestanten, die v.a. in Südchile evangelisch-lutherische Gemeinden gründeten. War es im 19. Jahrhundert v.a. der traditionelle Protestantismus, der in Chile Fuß fasste (1868 Presbyterianer, 1878 Methodisten), so waren es im 20. Jahrhundert die bis heute wachsenden protestantischen Frei- und Pfingstkirchen, teils in direkter Abhängigkeit von US-Missionen (z.B. Baptisten, ca. 1920), teils auch als Eigengründungen (Pfingst­bewegung, 1909). Doch nicht nur Protestanten erreichten Chile. Zwi­schen 1880 und 1930 kamen jüdische Einwanderer aus dem sich auflösenden Osmanischen Reich und bilden den Grundstock dauerhaften jüdischen Lebens in Chile; auch nach 1930 nahm das Land eine große Zahl vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten flüchtender Juden auf.

Zum Abschluss dieses kurzen historischen Rundgangs, sei noch ein Blick auf Zeit der Militärregierung (1973–1990) geworfen. Verhielt sich die Mehrheit der Bischöfe direkt nach dem Putsch vom 11.9.1973 zunächst abwartend, so nahm die katholische Kirche im weiteren Verlauf der Diktatur eine dem Regime gegenüber offen kritische Haltung ein, kümmerte sich um Verfolgungsopfer (»Comité Pro-Paz« unter protestantischer, orthodoxer und jüdi­scher Beteiligung, später »Vicaría de la Solidaridad«), wurde zu einem wichtigen Gegengewicht und bot der Entwicklung oppositioneller Kräfte Freiraum. Auch die traditionellen Protestanten nahmen eine regimekritische Haltung ein, während die Evangelikalen und Pfingstler der Diktatur teilweise positiv gegenüberstanden. Dass auch während der Militärdiktatur die gelebte chilenische Religiosität weiter lebendig war, zeigt ein in der chilenischen Religionsgeschichte einmaliger Vorgang aus dieser Zeit. 1983 – das Land befin­det sich in einer wirtschaftlichen und politischen Krise – berichtet im Juni ein Junge namens Miguel Ángel Poblete, er habe auf einem Hügel bei Peñablanca (nahe Valparaíso) die Jungfrau Maria gesehen. Die »Marienerscheinung von Peñablanca« entwickelt sich zu einem über Monate anhaltenden Massen- und Medienereignis. Das ganze gipfelt in dem bereits 1983 öffentlich geäußerten, historisch jedoch nicht klärbaren Verdacht, die Regierung Pinochet habe hier in manipulativer Absicht interveniert. Ein fester Unterstützerkreis ließ sich von dieser Diskussion sowie der kirchlichen Ablehnung nicht beirren und ­existiert bis in die Gegenwart. Stattet man Peñablanca heute einen Besuch ab, so zeigt sich hier quasi ein Abbild der religiösen Landschaft des modernen Chiles: Trotz aller »neuer« Religionen, die Teil des chilenischen Alltags wurden, blieb und bleibt der Katholizismus chilenischer Prägung die vorherrschende religiöse Größe des Landes. Dabei bleibt jedoch durchaus Platz für Pluralität und religiöse Zwischentöne.

2. Statistiken und Organisationen

Der mit Abstand größte Teil der chilenischen Bevölkerung gehört der katholischen Kirche an. Laut Erhebung der letzten Volkszählung im Jahr 2002 bezeichnen sich 69,69% bzw. rd. 7,85 Millionen Chilenen ab 15 Jahren (2002 gesamt rd. 11 Millionen; Bevölkerung gesamt: rd. 15 Mio.; aktuell [Stand: Juni 2012] rd. 17,4 Millionen) selbst als »katholisch«. Bei der vorangegangenen Volkszählung von 1992 lag dieser Wert noch bei 76,7%; es ist also eine leicht abnehmende Tendenz festzustellen (im Folgenden wird in der Klammer der Wert von 1992 zum Vergleich mit angegeben). Laut des statistischen Jahrbuchs des Vatikans, dem »Annuario Pontificio« (Stand: 2004), liegt die Gesamtzahl der Katholiken – die unter Fünfzehnjährigen werden hier mit eingeschlossen – in Chile bei rd. 11 Millionen bzw. einem Anteil von 73%. Dabei ist sowohl die von der offiziellen kirchlichen Statistik erfasste formale Gemeindezugehörigkeit ebenso wie die in der Erhebung zur Volkszählung verwendete Selbstbezeichnung als »katholisch« mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten, denn sie umfasst innerhalb der chilenischen Bevölkerung eine große Bandbreite zwischen tatsächlich vorhandener Bindung an die offizielle Kirche und ein entsprechendes kirchliches Engagement, über gelegentliche Besuche des Gottesdienstes bis hin zu einer abstrakten Bindung an eine allgemeine »katholische Kultur«. Denn trotz der formalen oder selbst angegebenen mehrheitlichen Zugehörigkeit der chilenischen Bevölkerung zur katholi­schen Kirche ist die Teilnahme an offiziellen katholischen Kulthandlungen eher gering; nur 11% der in Chile als katholisch erfassten Menschen besuchen regelmäßig den Sonntagsgottesdienst. Anders stellt sich dieses Verhältnis bei den mestizisierten religiösen Festen dar. In einer Zählung aus dem Jahr 1980 etwa wurden rd. 270 solcher Feste mit über 4 Millionen Teilnehmern erfasst. Bedeutende Wallfahrten wie etwa die zur »Virgen de La Tirana« in Nordchile (Hochfest der »Virgen del Carmen« am 16. Juli; Feierlichkeiten dauern zwei Wochen; jährlich etwa 200.000 Besucher) oder die zur »Virgen de Lo Vásquez« in Zentralchile (Hochfest der »Unbefleckten Empfängnis« am 8. Dezember; jährlich etwa 600.000 Besucher; größte Marienwallfahrt Chiles) sind zentrale Bezugspunkte der gelebten Religiosität Chiles.

Die zweitgrößte religiöse Gruppe bilden mit 15,14% (1992: 12,4%) bzw. rd. 1,7 Millionen und leicht steigender Tendenz, die protestantischen Kirchen (»evangélicos«). Im Gegensatz zum deutschen Sprachgebrauch bezieht sich in Chile die Bezeichnung evangélicos in der Regel auf die charismatischen Freikirchen wie etwa die Baptisten (u.a. »Unión de Iglesias Evangélicas Bautistas de Chile«; 2010 laut Eigenangaben 36.000 getaufte Gemeindemitglieder; mit Familienmitgliedern und Sympathisanten insgesamt rd. 100.000 Anhänger), die Pfingstkirchen (u.a. »Iglesia Pentecostal de Chile«, 125.00 Mitglieder; »Iglesia de Misiones Pentecostales Libres de Chile«, 13.600; »Misión Iglesia Pentecostal«, 9.000; alle Zahlen Eigenangaben, 2006), aber auch sonstige freikirchliche Gruppierungen wie die Adventisten (»Iglesia Adventista del Séptimo Día«) und die Heilsarmee (»Ejército de Salvación territorio Sud­américa Oeste«). Unter der Überschrift »évangelicos« werden aber auch die traditionellen protestantischen Kirchen wie Anglikaner (»Iglesia Anglicana del Cono Sur de América«), Presbyterianer (»Iglesia Presbiteriana de Chile«) und Methodisten (»Iglesia Metodista de Chile«) erfasst. Statistisch extra ausgewiesen wurde zumindest noch 1992 die evangelisch-lutherische Kirche (»Iglesia Evangélica Luterana en Chile«) mit einem Anteil von 0,8% (2002: k.A.).

Auch in Chile gibt es mittlerweile mit 8,3% bzw. rd. 932.000 eine steigende Zahl von Personen, die sich selbst als zu »keiner Religion« zugehörig, bzw. als »Atheisten« oder »Agnostiker« bezeichnen. Auch hier ist wie bei den protestantischen Kirchen eine Zunahme gegenüber 1992 (5,8%) zu erkennen.

Den letzten größeren Block in der offiziellen Religionsstatistik bildet mit 4,39% (1992: 4,2%) bzw. rd. 493.000 die nicht weiter ausdifferenzierte, in der Größe in etwa stabil bleibende Kategorie »Andere(r) Religion oder Glaube«, unter der offensichtlich auch die indigenen Religionen Chiles zusammengefasst werden, leider ohne diese extra auszuweisen. Hier hilft ein Blick auf die statistisch erfasste ethnische Zugehörigkeit in Verbindung mit der religiösen Selbstzuschreibung. Demnach rechnen sich 64,8% der indigenen Be­völkerung Chiles (Mapuche: 87,3%, Aymara: 7,0%, Atacameño: 7,0%, um nur die drei größten Gruppen zu nennen) zur katholischen und 29,5% zu ei­ner protestantischen Kirche. Nur 3,6% ordnen sich in die Kategorie »Andere(r) Religion oder Glaube« ein (weitere Zahlen: Zeugen Jehovas: 1,0%, Mormonen: 0,9%, Islam, Judentum und orthodoxe Kirchen: 0,1%). Demnach scheint auch bei der Bevölkerung indigener Abstammung die mestizisierte, durch indigene religiöse Traditionen geprägte Form des chilenischen Katholizismus vorherrschend zu sein. Die alleinige Selbstzuschreibung zur traditionellen religiösen Tradition etwa der Mapuche scheint dagegen eher wenig verbreitet.

Weitere kleine religiöse Gruppen, die einzeln statistisch erfasst werden, sind die Zeugen Jehovas mit 1,06%, die Mormonen mit 0,92%, das Judentum mit 0,13%, die orthodoxen Kirchen mit 0,06% (u.a. »Misión Ortodoxa en Chile«) sowie der Islam mit 0,03% (zu allen diesen religiösen Gruppen 1992: k.A.).

 

Religionsgemeinschaft

Anteil an der Bevölkerung ab 15 Jahren 
(Quelle: Volkszählung 2002)

Katholische Kirche

69,69 %

Protestantische Kirchen

12,4 %

Atheisten / Agnostiker

8,3 %

Andere Religionen oder Glaube

4,39 %

Zeugen Jehovas

1,06 %

Mormonen

0,92 %

Judentum

0,13 %

Orthodoxe Kirchen

0,06 %

Islam

0,03 %

3. Bedeutsame Theologen und ihre Lehren

Im Folgenden sollen kurz mehrere kirchlich und theologisch bedeutsame Persönlichkeiten der chilenischen Religions- bzw. Kirchengeschichte vorgestellt und anhand ihrer Lehrauffassungen bzw. der Besonderheit ihres Wirkens charakterisiert werden. Als bedeutender Vertreter der kirchlichen Hierarchie der Kolonialzeit gilt der baskische Franziskaner Diego de Humanzaro (1601–29.5.1676). Als 9. Bischof von Santiago strebte er an, in Chile den nachtridentinischen Katholizismus zu etablieren und setzte sich darüber hi­naus gegen die Ausbeutung der indigenen Bevölkerung ein, deren Erniedrigung er als schlimmer charakterisierte wie die der »Kinder Israels«. Als einer der bedeutenden in Chile wirkenden Jesuiten ist der aus Eichstätt stammende Franz-Xaver Kisling (17.9.1715–30.4.1784) herauszugreifen. Er arbeitete seit 1751 bis zu seiner Ausweisung 1768 in der Mission von Chiloé in verschiedenen Positionen am Kolleg von Castro. Während seiner Haft in Puerto Santa María (Spanien) verfasste er 1771 eine vom Vertrauen auf Gott und von Zuversicht geprägte Auslegung des Hohenliedes in Versform. Einer der heute wohl bekanntesten Jesuiten, der nach der Wiederzulassung des Ordens 1815 in Chile wirkte, warLuis Alberto Hurtado Cruchaga (22.1.1901–18.8.1952). Der im Jahre 2005 heiliggesprochene »Padre Hurtado« war einer der wichtigsten Verfechter der katholischen Soziallehre und deren praktischer Umsetzung in Chile. Große Bedeutung erlangte das von ihm begründete Sozialwerk »Ho­gar de Cristo« zur Versorgung von Straßenkindern, bedürftigen Erwachsenen und alten Menschen. Als letzte bedeutende Persönlichkeit sei noch Rául Silva Henríquez (27.9.1907–10.4.1999) genannt. Er wurde 1959 zunächst Bischof von Valparaíso, 1961 dann Erzbischof von Santiago de Chile und 1962 zum Kardinal ernannt. Er war Teilnehmer des 2. Vatikanischen Konzils und trat dafür ein, nicht nur das Evangelium zu verkündigen, sondern dies eng an eine Verteidigung von Menschenrechten und Frieden zu binden. Nach dem Putsch von 1973 stellte er sich immer wieder auch offen gegen das Mi­litärregime und begründete 1976 die »Vicaría de la Solidaridad« als Hilfsorganisation für Opfer der Diktatur.

4. Literaturtitel

M. Fleet / B. H. Smith, The Catholic Church and Democracy in Chile and Peru, Notre Dame, Ind. 1997.

R. Foerster, Introducción a la religiosidad mapuche, Santiago de Chile 1993.

O. Grasmück, Eine Marienerscheinung in Zeiten der Diktatur. Der Konflikt um Peñablanca, Chile: Religion und Manipulation unter Pinochet, Berlin / New York 2009.

J. Meier / M. Müller, Jesuiten aus Zentraleuropa in Portugiesisch- und Spanisch-Amerika. Ein bio-bibliographisches Handbuch. Band 2: Chile (1618–1771), Münster 2011.

H.-J. Prien, Religion und Kirchen, in: P. Imbusch / D. Messern / D. Nolte, (Hg.), Chile heute: Politik, Wirtschaft, Kultur, Frankfurt/M. 2004, S. 207-223.

 

 

AUTOR: Oliver Grasmück

Dr. Oliver Grasmück, Religionswissenschaftler. Nach Studium und Promotion in Tübingen, Bremen und Santiago de Chile freiberuflich als wissenschaftlicher Redakteur, Lektor und Übersetzer in Reutlingen tätig.