Religion im Kosovo | Drucken |

 

herausgegeben von
Prof. Dr. Markus Porsche-Ludwig, Universität Hualien (Taiwan)
Prof. Dr. Jürgen Bellers, Universität Siegen

 

1. Religion und deren Geschichte

Der Kosovo, heute von einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung bewohnt, blickt ursprünglich auf eine lange christliche Tradition zurück: Unter den Römern wurde die Provinz Dardania (Kosovo und Teile des heutigen Mazedonien) in der Spätantike christianisiert. Die Provinz gehörte zur lateinisch-sprachigen Kirchentradition und nahm an wichtigen theologischen Diskussionen, wie etwa dem sog. Dreikapitel-Streit teil. (Schmitt 2008: 115) Das Eindringen heidnischer slawischer Gruppen im 6. und 7. Jahrhundert unterbrach diese Periode. Welche Folgen dies für den Glauben der Bevölkerung hatte, ist schwer zu bestimmen. Zumindest die formale Kirchenverwaltung löste sich, ebenso wie die kulturelle römische Tradition, auf. (Ebd.)

Ab den 850er Jahren befand sich das Gebiet des heutigen Kosovo unter bulgarischer Herrschaft. Dank dem Wirken des Heiligen Cyril und des Heiligen Methodius existierte seit dem 9. Jahrhundert eine eigene slawische Liturgie, welche die christlichen bulgarischen Eroberer in die unterworfenen Gebiete brachten. (Noel 1998: 41) Ohrid, eine Stadt im Westen Mazedoniens, ent­wickelte sich im 9. und 10. Jahrhundert zum religiösen Zentrum in der Region und bald unterstanden dem dortigen Erzbischof Bischofssitze in Lipljan und Prizren. (Ebd.)

Im frühen 11. Jahrhundert konnten die Byzantiner den Kosovo erobern. Sie übten großen Druck aus, um die slawische Kirchenliturgie zugunsten der griechischen zurückzudrängen. (Ebd.: 42) Doch auch ihre Herrschaft war nicht von langer Dauer: Um 1160 gelangte eine serbische Herrscherfamilie, die Nemanjiden (nach ihrem Begründer, Stefan Nemanja), an die Macht und eroberte sukzessive den Kosovo. Unter ihrer Herrschaft gelang es, die Diözesen auf dem neuerdings serbischen Gebiet aus der griechisch-orthodoxen Kirchenhierarchie herauszulösen und Sava, der Bruder von Stefan Nemanja, wurde erster Erzbischof der autokephalen serbisch-orthodoxen Kirche. (Ebd.: 45) Im Jahr 1346 wurde das Erzbistum schließlich zum Patriarchat er­klärt.

Die serbischen Herrscher stifteten im westlichen Kosovo viele Kirchen und Klöster, die sie mit solch reichlichen Landschenkungen bedachten, dass das Gebiet den Namen „Klosterland“ erhielt und „mit dieser Konzentration an künstlerisch hochwertiger Kirchenarchitektur und Malerei ein Kernland der orthodoxen Kultur auf dem Balkan“ bildet. (Schmitt 2008: 53) Noch heute gelten 162 Orte im Kosovo als „kulturelles Erbe von größter Wichtigkeit“ für das serbische Volk. (ICG-Report: 9) Doch der größte Einschnitt in das religiöse Leben des Kosovo stand noch bevor: Im Jahr 1455 fiel der Kosovo endgültig in die Hände der muslimischen Osmanen, unter deren Herrschaft das Land knapp 500 Jahre verbleiben sollte. Die daraufhin einsetzende Islamisierung war allerdings kein zügiger Prozess, sondern vollzog sich in mehreren Wellen im Laufe der nächsten Jahrhunderte.

Die Gründe für die Konversion der kosovarischen Bevölkerung zum Islam werden bis heute diskutiert. Oliver Jens Schmitt, Professor für Osteuropäi­sche Geschichte an der Universität Wien, legt überzeugend dar, dass die Islamisierung der Region weder „der gewaltsamen Konversionspolitik der Osmanen“ auf der einen noch der „Attraktivität eines kulturell überlegenen Friedensreiches“ auf der anderen Seite geschuldet war, sondern aufgrund unterschiedlicher gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Gründe erfolgte. (Schmitt 2008: 117 f.) So vollzogen sich Islamisierungsschübe häufig in Zei­ten militärischer Krisen des osmanischen Reiches, wenn die Steuern für die christliche Bevölkerung erhöht wurden. (Ebd.: 118) Auch die Aufstiegsmöglichkeiten in Heer und Verwaltung stellten laut Schmitt starke Anreize dar. (Ebd.) Ein Großteil der katholischen Albaner soll zum Islam übergetreten sein, um der schwachen Stellung ihres Glaubens, der sich auf das ferne Papsttum stützte, zu entkommen und sich gegenüber der von den Osmanen privilegierten orthodoxen Kirche zu emanzipieren. (Bozbora 2008: 201 f.) Darüber hinaus stärkten Fluchtbewegungen die muslimische Bevölkerungsgruppe im Kosovo, wie etwa die Massenflucht muslimischer Flüchtlinge aus Bosnien infolge der österreich-ungarischen Besatzung ab 1878. (Schmitt 2008: 120) Nach Schmitt soll um 1800 erstmals eine musli­mische Mehrheit im Kosovo bestanden haben.

Die Osmanen brachten den sunnitischen Islam in die von ihnen eroberten Gebiete, zu dem sich heute die große Mehrheit der kosovarischen Muslime bekennt. Aber gerade in den südlichen Gebieten zogen auch Derwischorden aus Anatolien viele Anhänger an. Besonders ungebildete Christen fühlten sich von den Mönchen angesprochen, die beispielsweise predigten, dass die wichtigen Lehren des Islam sich bereits im christlichen Glauben finden lassen. (Ebd.: 121) Im Süden des Kosovo spielen diese Derwischorden bis heute eine große Rolle. Der unorthodoxe Sufi-Orden der Bektashi-Mönche, der sein Zentrum in Albanien besitzt, ist in dieser Gegend ebenfalls verbreitet.

Die katholische Gemeinde im Kosovo ist vor allem durch Einwanderung aus dem albanischen Hochland und dem südslawischen Raum entstanden.  Trotz ihrer geringen Größe zeichnete sich die katholische Gemeinde stets durch ihre besondere Bindung an das Abendland aus und unterstand ab dem frühen 17. Jahrhundert dem sog. Kultusprotektorat der Habsburger Dynastie im Osmanischen Reich. (Ebd.: 124)

Vor dem zweiten Weltkrieg lebte im Kosovo eine autochthone jüdische Gemeinde von ca. 600 Personen, deren Wurzeln mindestens drei Jahrhunderte zurückreichten. (ICG-Report: 1) Mehr als ein Drittel wurde in Konzentrationslager der Nationalsozialisten deportiert, die übrigen konnten nach Albanien fliehen; ein Großteil emigrierte nach 1945 von dort nach Israel. (Ebd.) In der frühen Phase des jugoslawischen Staates wurde vor allem der Islam im Kosovo unterdrückt. Der Bau neuer Moscheen wurde unterbunden und bekennende Muslime am Aufstieg in politische und gesellschaftlich bedeutende Ämter gehindert. (Ebd.: 2) Dies besserte sich in der kurzen Phase relativer Autonomie des Kosovo von 1974 bis 1989, fand aber unter Milosevic’ Ägide ein schnelles Ende. (Ebd.) Der heutige Kosovo ist ein säkularer Staat, wie es auch in Art. 8 der kosovarischen Verfassung aus dem Jahr 2008 ausformuliert ist. In den staatlichen Schulen gibt es keinen Religionsunterricht. Im Jahr 2009 wurde das Tragen von Kopftüchern an öffentlichen Schulen verboten. (Lowen  2010: 11)

2. Statistiken und Organisationen

Genaue Zahlen zu den Angehörigen der verschiedenen Religionsgruppen im Kosovo liegen nicht vor. Auch ein kürzlich durchgeführter Zensus kann hier­zu keine Aussagen treffen, da er in den serbisch-dominierten Städten im Norden boykottiert wurde. Ergebnisse bezüglich der Religionszugehörigkeit der albanischen Bevölkerung liegen noch nicht vor. (http://esk.rks-gov.net/rekos 2011/?cid=1,40)

Die ethnische Gruppe der Albaner stellt ca. 90 % der auf 2 Millionen Einwohner geschätzten kosovarischen Bevölkerung. (The American Foreign Po­licy Council: 2) Von diesen bekennt sich die große Mehrheit zum Islam. Hinzu kommt eine kleine Gruppe serbisch-sprachiger Gorani, die vorwiegend in und um die Stadt Dragash in der Nähe der albanischen und makedonischen Grenze siedeln sowie Teile der bosnischen und türkischen Bevölkerung und der Sinti und Roma.

Die große Mehrheit der kosovarischen Muslimen bekennt sich zum traditionellen sunnitischen Islam, während aber im Süden des Landes auch Sufi-Orden einen starken Einfluss ausüben. In der Stadt Djakovica soll sich beispielsweise die Mehrheit der dort ansässigen Muslime zu einem der unterschiedlichen Sufi-Orden bekennen. (ICG-Report: 4) Die religiösen Zentren der Sufi-Orden nennen sich Tekken (Sg.: Tekke).

Die offizielle Institution der Muslime im Kosovo ist die Islamische Gemeinde des Kosovo, mit Sitz in Prishtina. Im Jahr 1992 wurde die erste Fakultät für islamische Studien in Prishtina gegründet. Die meisten Sufi-Orden haben sich in der „Community of Aliite Dervish Islamic Communities“ mit Sitz in Prizren zusammengeschlossen. (ICG-Report: 7) Der Großteil der serbischen Minderheit im Kosovo, die auf 100 000 bis 120 000 Personen geschätzt wird (United States Department of State, 2010), betrachtet sich als Teil der serbisch-orthodoxen Gemeinschaft – wenn nicht in einem rein religiösen, so doch in einem kulturellen oder historischen Sinne. (ICG-Report: 10) In der Hierarchie der serbisch-orthodoxen Kirche untersteht das Gebiet des Kosovo der Eparchie Raszien-Prizren (Kosovo und daran nördlich angrenzendes Gebiet), mit Bischofssitz in Prizren.

Zirka 60 000 Kosovo-Albaner sind Katholiken, hinzu kommen katholische Roma sowie kleine Gemeinden kroatischer Katholiken. (Ebd.: 7) Katholische Gemeinden finden sich in Prizren, Klina, Janjeva und Gjakova. (United States Department of State, 2010) In Prizren befindet sich die apostolische Admi­nistratur, die nach der Trennung vom Bistum Skopje-Prizren im Mai 2000 entstanden ist. Die katholische Kirche im Kosovo umfasst 24 Pfarreien mit insgesamt 37 Diözesanpriestern. Kleine protestantische Gemeinden finden sich in den meisten Städten, die größte befindet sich in Prishtina.

Religiöser Fundamentalismus ist im Kosovo kaum verbreitet. Die meisten Autoren bescheinigen den Kosovaren ein allgemein lockeres und pragmatisches Verhältnis zur Religion. (Bozbora  2008: 201) Dies mag sich in den letzten Jahren leicht verändert haben, wie Tabelle 1 indiziert. So gaben im Jahr 2010 89 Prozent der kosovarischen Bevölkerung an, dass Religion eine wichtige Rolle in ihrem Alltag spielt; im Jahr 2006 hatten nur 70 Prozent diese Frage bejaht. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass Religion im Kosovo auch als Ausdruck der ethnischen Zugehörigkeit gilt. Die Bejahung der Religion mag gleichzeitig als Bejahung der eigenen ethnischen Identität gelten. So lässt sich vielleicht die starke Diskrepanz der Ergebnisse für im Kosovo lebende Serben und für Angehörige des serbischen Staates erklären: 81 Prozent der kosovarischen Serben bejahten 2010 die Frage, dass Religion in ihrem Alltag eine wichtige Rolle spiele. In Serbien selbst stimmten dem nur 53 Prozent der Bevölkerung zu.

 

Tabelle 1: Die Rolle der Religion im Kosovo

 

2006

2008

2009

2010

Is religion an important part of your daily life?

70,2*

63,1

90,1

89,1

Have you attended a place of worship or religious service within the last seven days?

31

35,6

41,8

32,1

Do you believe that God is directly involved in things that happen in the world, or not?

-

-

79,6

78,4

* Prozent der kosovarischen Bevölkerung, die Frage mit “Ja“ beantworten.
Quelle: Gallup Balkan Monitor, abrufbar unter: http://www.balkan-monitor.eu/index.php/dashboard

Tabelle 2: Rolle der Religion: Serben und Albaner im Kosovo im regionalen Vergleich 

 
Antwort auf die Frage: “Is religion an important part of your daily life?”
Quelle: Gallup Balkan Monitor 2010, Summary of Findings, S. 32, abgerufen unter: http://www.balkan-monitor.eu/files/BalkanMonitor-2010_Summary_of_Findings.pdf 

Zerstörung religiöser Stätten während und nach dem Kosovo-Konflikt 

Mit dem Gewaltausbruch im Kosovo 1998 ging auch die gezielte Zerstörung islamischer Einrichtungen im Kosovo durch serbische Kräfte einher. Moscheen, islamische Archive, Tekken sowie die bekannte Alauddin Madrasa in Prishtina fielen mutwilliger Zerstörung zum Opfer. (ICG-Report: 14) Nach Angaben der islamischen Gemeinde sollen in dieser Zeit auch 16 Imame getötet worden sein. (Ebd.)

Nach Kriegsende kam es dann zur Zerstörung vieler serbisch-orthodoxer Einrichtungen durch Kosovo-Albaner. Nach serbischen Angaben sollen 76 religiöse Gebäude der Serben im Kosovo beschädigt oder zerstört worden sein. (Crucified Kosovo) Dabei wurden viele historische Gebäude zerstört, wie zum Beispiel das Kloster der Heiligen Dreifaltigkeit in Musutiste, das aus dem 14. Jahrhundert stammte. (ICG-Report: 14) Noch immer schützt die Polizei im nunmehr unabhängigen Kosovo besonders wichtige serbisch-orthodoxe Stätten und KFOR-Kräfte sichern einige orthodoxe Klöster. (Uni­ted States Department of State, 2010) Einen genuin religiösen Hintergrund besaß die Zerstörungswut allerdings nicht – der Konflikt zwischen Serben und Albanern ist seit jeher ethnischer Natur. Auffällig ist, dass insbesondere Moscheen und Kirchen jüngeren Datums zerstört wurden. Neue Moscheen galten der serbischen Seite offenbar als Symbol der demographischen Dominanz der Albaner, während Albaner neu erbaute orthodoxe Kirchen als ein Zeichen für den serbischen Anspruch auf politische Herrschaft über den Kosovo betrachteten. (ICG-Report: 15)

Nach dem Ende des Kosovo-Konfliktes haben sich die Führer der drei vorherrschenden Konfessionen mehrfach zu informellen Gesprächen getroffen, in denen sie den Wunsch bekräftigten, gemeinsam nach friedlichen Lösungen zu suchen.

3. Literaturtitel 

Nuray Bozbora: Die Rolle der Religionsgemeinschaften unter besonderer Berücksichtigung des Islam, in: Bernhard Chiari, Agilolf Keßelring (Hrsg.), Wegweiser zur Geschichte Kosovo, 3. Auflage, Paderborn u.a. 2008.

Crucified Kosovo. Destruction of the spiritual and cultural heritage in Kosovo (1999-2003), special edition by the Serbian Orthodox Diocese of Raska-Prizren, abrufbar unter:http://www.rastko.rs/kosovo/crucified/default.htm.

International Crisis Group (ICG): Religion in Kosovo, Report N° 105 (31. Januar 2001), Pristina/Brussels, S. 9, abgerufen unter:http://www.crisisgroup.org/en/regions/europe/balkans/kosovo/105-religion-in-kosovo.aspx.

Mark Lowen: Headscarf ban sparks debate over Kosovo’s identity, BBC News (24. August 2010). Abgerufen unter: http://www.bbc.co.uk/news/world europe11065911.

Noel Malcom: Kosovo. A short history. Macmillan, 1998.

Oliver Jens Schmitt: Kosovo. Kurze Geschichte einer zentralbalkanischen Landschaft, Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar, 2008.

The American Foreign Policy Council: World Almanac of Islamism, Kosovo, S. 2, abgerufen unter:http://almanac.afpc.org/sites/almanac.afpc.org/files/ Kosovo_0.pdf.

United States Department of State: 2010 Report on International Religious Freedom  Kosovo, 17. November 2010, abgerufen unter: http://www.state. gov/g/drl/rls/irf/2010/148948.htm.

 

AUTORIN: Violetta Hagen

Violetta Hagen, geboren 1988. Studium der Friedensforschung und internationalen Politik an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. B.A. Staatswissenschaften an der Universität Erfurt.