Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band VII (1994)Spalten 1251-1255 Autor: Traugott Jähnichen

RAGAZ, Leonhard, evangelischer Theologe und Mitbegründer der religiös-sozialen Bewegung in der Schweiz, * 28.7. 1868 in Tamins/CH, † 6.12. 1945 in Zürich. - Nach dem Studium der ev. Theologie in Basel, Jena und Berlin übernahm Ragaz im Jahr 1890 seine erste Pfarrstelle am Heinzenberg in Graubünden. Im September 1893 wechselte er als Sprach- und Religionslehrer nach Chur, wo er 1895 zum Stadtpfarrer gewählt wurde. Hier profilierte er sich als theologischer Experte für sozialethische Fragestellungen. Im Jahr 1901 schloß er mit Clara Nadig die Ehe, aus der zwei Kinder hervorgingen. Ein Jahr später ließ sich Ragaz zum Münsterpfarrer in Basel wählen. Hier wurde er - gemeinsam mit dem Zürcher Pfarrer Hermann Kutter - zum Begründer der religiös-sozialen Bewegung. Äußerer Anlaß des Engagements war im Jahr 1903 seine Solidarisierung mit streikenden Maurern, die er in einer Predigt über das Doppelgebot der Liebe begründete. Die Resonanz auf diese Predigt war groß und Ragaz wurde schnell zum Organisator der religiös-sozialen Bewegung in der Schweiz, die sich um die 1906 gegründete Zeitschrift »Neue Wege: Blätter für religiöse Arbeit« kristallisierte. Zum Wintersemester 1908/09 erhielt Ragaz eine Berufung als Professor für Systematische und Praktische Theologie an die Theologische Fakultät der Universität Zürich. Hier erregte er öffentliches Aufsehen, als er anläßlich des blutig niedergeschlagenen Generalstreikes der Zürcher Arbeiter vom 12.7. 1912 in den »Neuen Wegen« seine Sympathien mit den Streikenden zum Ausdruck brachte. Im Jahr 1913 trat er demonstrativ der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS) bei. Den Ausbruch des ersten Weltkrieges interpretierte er als Versagen der Kirchen wie der internationalen Arbeiterbewegung. Seither rückte die Auseinandersetzung mit der Frage der Gewalt und den Problemen des Friedens in den Mittelpunkt seines Interesses. Aus diesem Grund geriet er früh in einen scharfen Gegensatz zu den Befürwortern der russischen Oktoberrevolution innerhalb der Sozialdemokratie. Im Jahr 1921 gab Ragaz freiwillig seine Professur auf. Diesen zeichenhaften Schritt begründete er mit seiner kritischen Stellung zur Kirche als Organisation und mit seinem Wunsch, radikal den von ihm vertretenen religiösen Sozialismus zu verwirklichen. Seither erhielt er ein bescheidenes Redaktorengehalt für die Herausgabe der »Neuen Wege« und lebte in einfachen Verhältnissen in einem Arbeiterwohnviertel, wo er versuchte, auf genossenschaftlicher Grundlage religiös-sozialistische Bildungsarbeit zu betreiben. Bereits in den zwanziger Jahren wurde er zum schärfsten theologischen Kritiker der faschistischen und nationalistischen Bewegungen in Europa, im Jahr 1930 initiierte und formulierte er den Aufruf der Internationalen religiös-sozialistischen Vereinigung gegen Nationalsozialismus und Nationalismus. Aus Protest gegen die Anpassung der Sozialdemokratie an den von ihm stets kritisierten bürgerlichen Militarismus trat Ragaz 1935 aus der SPS aus. Die letzten Jahre seines Lebens widmete er in besonderer Weise der Auslegung der Bibel, wie es sich in dem siebenbändigen Werk »Die Bibel: eine Deutung« niederschlug. Leonhard Ragaz hat eine eigenständige, in sich stimmige religiös-sozialistische Konzeption entwickelt. Ausgangspunkt und theologische Fundierung ist ihm die Botschaft von dem »lebendigen Gott, der nicht nur geschaffen hat, sondern vorwärts schafft, ... der fortwährend Taten tut, der die ewige Revolution der Welt ist« sowie die Hoffnung auf das »Reich Gottes, das der Ausdruck des lebendigen Gottes in der Welt ist.« Das Zentrum des religiösen Sozialismus ist in dieser Sicht »die Aufmerksamkeit auf das Tun des lebendigen Gottes und der Glaube an sein Reich.« Das wesentliche Wirken des lebendigen Gottes bestimmt Ragaz als den Kampf gegen die Mächte »Mammon«, »Mars« und »Caesar«, konkret gegen den Kapitalismus, den Militarismus und den imperialen Machtstaat. In dieser gesellschaftspolitischen Perspektive sieht Ragaz Gott in der Sozialdemokratie am Werk und zieht die Konsequenz, sich aktiv politisch zu engagieren. Vor diesem Hintergrund definiert er den religiösen Sozialismus als »ein Verständnis des ganzen Christentums, das« - gegen alle individualistischen Verkürzungen - »dessen sozialen Sinn ins Licht stellt«. Die diesem vom Reich-Gottes-Gedanken inspirierten Ansatz entsprechende Sozialismuskonzeption bestimmt Ragaz andererseits »als ein Verständnis des ganzen Sozialismus, das« - gegen den reinen Materialismus - »dessen religiösen Sinn ins Licht stellt.« Diese Sozialismusdeutung impliziert eine kritische Abgrenzung vom Marxismus und speziell vom Gedanken des proletarischen Klassenkampfes, dem er ein Verhaftetsein in den Gewaltstrukturen der bürgerlichen Welt vorwirft. Gerade das in der Oktoberrevolution zum Ausdruck kommende Fixiertsein auf die Gewalt als Mittel der Politik wird von Ragaz - nicht selten mit dem Verweis auf das Kreuz Christi - als Widerspruch zum Sozialismus im eigentlichen Sinn heftig kritisiert. Den so verstandenen Sozialismus kann Ragaz, trotz aller Einsprüche der dialektischen Theologie, als die »große Gegenbewegung auf den Egoismus, Materialismus und Atomismus einer ganzen Epoche« würdigen. Im Blick auf die konkreten sozialistischen Optionen betont er eine Vorliebe des religiösen Sozialismus für solche sozialistischen Formen, »die der Gotteskindschaft und Bruderschaft am nächsten kommen«. Eine solche, die Gemeinschaft in Freiheit begründende Form ist die Genossenschaft. In ihr hat, so Ragaz, »der religiöse Sozialismus aller Zeiten das angemessenste Gefäß für seinen Inhalt erblickt.«

Werke: Der Kampf um den Alkohol, Chur 1896; Evangelium und moderne Moral, Berlin 1898; Männliches Christentum, Zürich 1900; Alkohol und Gemütsleben. Zusammen mit Ernst Stähelin, Alkohol und Familie, Bern 1902; Selbstbehauptung und Selbstverleugnung. Ein Gegenwartsproblem, Basel 1904; Du sollst! Grundzüge einer sittlichen Weltanschauung, Ossmannstedt b.Weimar 1904; Zeitkultur, Bildungsideal, Schule, Basel 1905; Girolamo Savonorola. Ein Prophetenleben, Basel 1905; Das Evangelium und der soziale Kampf der Gegenwart, Basel 1906; Der sittliche Kampf der heutigen Frau, Basel 1907; Kapitalismus, Sozialismus und Ethik, Zürich 1907; Jesus Christus und der moderne Arbeiter, Zürich 1908; Dein Reich komme! Predigten aus den Jahren 1904 bis 1908 am Münster in Basel, Basel 1908; Was will und soll die Frauenbewegung? Zürich 1911; Die Prostitution, ein soziales Krebsübel, Zürich 1912; Über den Sinn des Krieges, Zürich 1915; Die geistige Unabhängigkeit der Schweiz: enthält neben Aufsätzen von Seippel, Zürcher und de Quervain drei Beiträge von Ragaz, Zürich 1916; Die neue Schweiz. Ein Programm für Schweizer und solche, die es werden wollen, Olten 1917; Ein sozialistisches Programm. Von Max Gerber, Jean Matthieu, Clara und Leonhard Ragaz, Dora Staudinger, Olten 1919; Sozialismus und Gewalt. Ein Wort an die Arbeiterschaft und ihre Führer, Olten 1919; Politik und Gottesreich, Freischar-Bücherei Nr. 1, 1919; Die pädagogische Revolution. Zehn Vorlesungen zur Erneuerung der Kultur, Olten 1920; Sozialismus und Völkerbund, Zürich 1920; Weltreich, Religion und Gottesherrschaft, Erlenbach 1922; Der Kampf um das Reich Gottes in Blumhardt, Vater und Sohn, Erlenbach 1922; Die Erlösung durch die Liebe, Erlenbach 1922; Theosophie oder Gottesreich? Erlenbach 1922; Judentum und Christentum. Ein Wort zur Verständigung, Erlenbach 1922; La Democratie nouvelle, Neuchatel/Geneve/Paris 1923; Dienstverweigerung und Zivildienst. Erläuterung und Begründung zur Zivildienstpetition, hrsg. vom Initiativkomitee, 1923 (o.O.); Die Abrüstung als Mission der Schweiz, hrsg. von der Zentralstelle für Friedensarbeit, 1924 (o.O.); Die Bedeutung Woodrow Wilsons für die Schweiz und die Welt, Zürich 1924; Die heutige religiöse Lage und die Volksschule. Sechs Vorträge von Ludwig Köhler und Leonhard Ragaz, hrsg. von der pädagogischen Vereinigung des Lehrervereins, Zürich 1925; Unsere Lebensführung im Dienst des Reiches Gottes, Verlag der Vereinigung der Freunde der »Neuen Wege«, 1927 (o.O.); Von Christus zu Marx - von Marx zu Christus, Wernigerode 1929; Sinn und Werden der religiös-sozialen Bewegung. Vortrag vor der religiös-sozialen Konferenz in Caub 1931, Zürich 1936; Dient das Milizheer dem Frieden? Ohne Verfasserangabe hrsg. von der Zentralstelle für Friedensarbeit, Zürich 1932; Die Botschaft vom Reiche Gottes. Ein religiös-soziales Bekenntnis von Robert Lejeune und Leonhard Ragaz, Zürich 1933; Die Erneuerung der Schweiz. Ein Wort zur Besinnung, Zürich 1933; Messages d'un Chretien. Traduit par H.Roser, Paris 1936; Reformation nach Vorwärts oder Rückwärts. Eine Kampfschrift, Zürich 1937; Das Reich und die Nachfolge. Andachten. (Gesammelte Betrachtungen aus »Neue Wege« 1925-1937, Bern 1938; Gedanken. Aus vierzig Jahren geistigen Kampfes, Bern 1937; Neuer Himmel und neue Erde! Ein religiös-sozialer Aufruf von Otto Bauer und Leonhard Ragaz, Zürich 1938; Nouveaux cieux, terre nouvelle. Traduit par H.Roser, Aubervilliers 1938; Das Programm des Friedens. Ohne Angabe des Verfassers hrsg. von der Weltaktion für den Frieden, 1939 (o.O.); Noch ein Kampf um die Schweiz. Dokumente zum Kampf mit der Pressezensur, Zürich 1941; Sollen und können wir die Bibel lesen? Zürich 1941; Die Botschaft vom Reiche Gottes. Ein Katechismus für Erwachsene, Bern 1942; Das Glaubensbekenntnis. Zur Bekenntnisfrage. Mit einer Erklärung des apostolischen Glaubensbekenntnisses, Zürich 1942; Israel-Judentum-Christentum, Zürich 1942; Das Unservater. Von der Revolution der Bibel I., Zürich 1943; Die Zehn Gebote. Von der Revolution der Bibel II., Zürich 1943; Die Gleichnisse Jesu, Bern 1944; Die Schweiz vor der Lebensfrage. Ein Ruf zum Erwachen, hrsg. ohne Verfasserangabe von der Weltaktion für den Frieden, 1944 (o.O); Die Schweiz im Kampf um den Frieden. Ein Wort des Schweizer Zweiges der Weltaktion für den Frieden, ohne Verfasserangabe, hrsg. von der Weltaktion für den Frieden, 1945 (o.O); Die Bergpredigt Jesu, Bern 1945; Die Geschichte der Sache Christi, Bern 1945; Die Bibel - eine Deutung. Sieben Bände, Zürich 1947 ff. (Bd. 1 Die Urgeschichte, 1947; Bd. 2 Moses, 1947; Bd. 3 Die Geschichte Israels, 1948; Bd. 4 Die Propheten, 1948; Bd. 5 Jesus, 1949; Bd. 6 Die Apostel, 1950; Bd. 7 Johannes, Evangelium und Offenbarung, 1950); Das Reich Gottes in der Bibel, hrsg. von der religiös-sozialen Vereinigung, Zürich 1948; Die Toten und wir, hrsg. von der religiös-sozialen Vereinigung, Zürich 1951; daneben eine große Anzahl von - zumeist anonymen - Flugschriften, Separatdrucken ohne Verlag sowie regelmäßige Beiträge in den »Neuen Wegen«.

Bibliographie: Leonhard Ragaz. Bibliograhie seiner Werke und Schriften, hrsg. von R. Lejeune, Bern 1951.

Lit.: K..-O. Benn/W.-E. Failing/K.-H. Lipp (Hrsg. für das Leonhard-Ragaz-Institut in Darmstadt), Leonhard Ragaz: religiöser Sozialist, Pazifist, Theologe und Pädagoge, Darmstadt 1986; - E. Buess/M. Mattmüller, Prophetischer Sozialismus: Blumhardt - Ragaz - Barth, Freiburg/Schweiz 1986; - G. Ewald, Die pädagogische Revolution. Relevanz des Ragazschen Denkens für die heutige Bildungspolitik, in: ders. (Hrsg.), Religiöser Sozialismus, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1977; - E. Fuchs, Leonhard Ragaz: Prophet unserer Zeit, Oberursel 1947; - S. Herkenrath, Politik und Gottesreich: Kommentare zur Weltpolitik 1918-1945 von Leonhard Ragaz, Zürich 1977; - H.U. Jäger, Ethik und Eschatologie bei Leonhard Ragaz: Versuch einer Darstellung der Grundstrukturen und inneren Systematik von Leonhard Ragaz' theologischem Denken unter besonderer Berücksichtigung seiner Vorlesungsmauskripte, Zürich 1971; - A. Lindt, Leonhard Ragaz: eine Studie zu Geschichte und Theologie des religiösen Sozialismus, Zürich 1957; - M. Mattmüller, Leonhard Ragaz und der religiöse Sozialismus: eine Biographie, Bd. 1: Die Entwicklung der Persönlichkeit und des Werkes bis ins Jahr 1913, Zürich 1957; Bd. 2: Die Zeit des Ersten Weltkrieges und der Revolutionen, Zürich 1968; - D. Rostig, Leonhard Ragaz, Berlin 1986; - M.J. Stähli, Reich Gottes und Revolution: christliche Theorie und Praxis für die Armen dieser Welt; die Theologie des Religiösen Sozialismus bei Leonhard Ragaz und die Theologie der Revolution in Lateinamerika, Hamburg 1976; - U. von den Steinen, Agitation für das Reich Gottes: ein Beitrag zur religiös-sozialen Predigtpraxis und homiletischen Theorie bei Leonhard Ragaz unter besonderer Berücksichtigung seiner unveröffentlichten Vorlesungsmanuskripte, München 1977.

Traugott Jähnichen

Literaturergänzung:

Manfred Böhm, Gottes Reich und Gesellschaftsveränderung. Traditionen einer befreienden Theologie im Spätwerk von Leonhard Ragaz, Münster 1988; - Friedhelm Groth: "bebel- und auch bibelfest". Eschatologischer Universalismus und Engagement für den Sozialismus in der Reich-Gottes-Hoffnung des jüngeren Blumhardt. Eine Hoffnung und ihre Nachwirkungen, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart 1999; - Manfred Böhm, Gott ergreift Partei - Der Religiöse Soziialismus des Leonhard Ragaz, in: Wieland Zademach (Hg.), Reich Gottes für diese Welt - Theologie gegen den Strich. Erbe der Väter: Auftrag für heute - Hoffnung für morgen, Waltrop 2001, 17-67; - Thomas Fornet-Ponse, Im Geheimnis der Kirche. Christliche Angewiesenheit! Jüdische Verwiesenheit? Aachen 2007, 230-241.

Letzte Änderung: 22.01.2008