DESSAUER, Friedrich, Physiker, Begründer der Quantenbiologie, Zentrumspolitiker, Publizist, * 19. Juli 1881 in Aschaffenburg, + 16. Februar 1963 in Frankfurt a.M. - FD wurde als jüngster Sohn unter elf Geschwistern einer ehemals jüdischen, seit drei Generationen aber katholischen Industriellenfamilie geboren. Mit 14 las er in der Zeitung alle Artikel über die Entdeckung einer neuen Strahlung durch Conrad Röntgen (1845-1923) im nahen Würzburg. Er begann mit eigenen Experimenten und dem Bau von Röntgenapparaten. Seine ersten Ergebnisse legte er zwei Jahre später schriftlich nieder. Über seinen Physiklehrer ließ er sein erstes Opus Conrad Röntgen zukommen, der ihn zu weiteren Forschungen ermunterte. Nach den Gymnasialjahren studierte FD Physik und Elektrotechnik in München und Darmstadt. Am 25. Januar 1899 reichte er seine erste wissenschaftliche Abhandlung mit dem Titel `Ein neuer Unterbrecher für Laboratorien' bei der Zeitschrift für Elektrochemie ein. Doch trotz dieses erfolgversprechenden Anfangs mußte er wegen des überraschenden Todes seines Vaters auf einer Geschäftsreise das Studium schon 1901 wieder abbrechen. Unterstützt von seinem Schwager, dem Arzt Dr. Bernhard Wiesner (1964-1938), gründete FD im selben Jahr zur Existenzsicherung der (nicht armen!) Familie das `Elektrotechnische Laboratorium' in Aschaffenburg, in dem er Röntgenapparate für medizinische Zwecke baute. Er hatte nämlich erkannt, daß sich damit viel Geld verdienen läßt. Bei unzähligen Vortragsreisen warb FD bei Ärzten um Vertrauen für die neue Technik. Obwohl sein Unternehmen vom Verkauf der Apparate lebte, lag FD mehr an der Heilung krebskranker Patienten. 1907 gründete er in Frankfurt a.M. einen weiteren Betrieb und nannte die schnell wachsende Firma `Vereinigte Elektroinstitute Frankfurt-Aschaffenburg' (VEIFA). Mit 26 Jahren war FD Fabrikdirektor. Am 20. April 1909 heiratete er Elisabeth Elshorst und bekam von ihr eine Tochter und drei Söhne, von denen einer später katholischer Priester wurde. Zu Kriegsbeginn 1914 zählte die VEIFA 500 Mitarbeiter. Erstmals zeigten sich 1914 auf FDs Haut die Folgen seiner jahrelangen Experimente mit Röntgenstrahlen. An den Folgen der Verbrennungen hatte er durch unzählige Operationen ein Leben lang zu tragen. FD setzte 1914 bis 1917 an der Frankfurter Universität sein Studium fort und promovierte bei Prof. Deguisne zum Dr. phil. nat. »Über einen neuen Hochspannungstransformator zur Erzeugung durchdringungsfähiger Röntgenstrahlen.« Obwohl FD ein Unternehmen leitete, wissenschaftliche Vorträge hielt und am Abschluß seines Studiums arbeitete, beschäftigten ihn mehr und mehr die sozialen Probleme seiner Arbeiter. Als nach Kriegsende 1918 auch in Frankfurt die revoltierenden Arbeiterräte die Macht an sich rissen, sah sich FD gezwungen, auch politisch aktiv zu werden. Er entschloß sich zum Eintritt in die Zentrumspartei, weil er glaubte, darin seine christlichen Ideale am besten verwirklichen zu können. Kaum war er eingetreten, wurde er in den Vorstand der Frankfurter Zentrumspartei und nach den Kommunalwahlen im März 1919 in die Stadtverordnetenversammlung in Frankfurt gewählt. Als sozial denkender Arbeitgeber setzte er sich für eine Überwindung des Klassenkampfes ein und unterstützte die Kooperation von Zentrum, SPD und DDP in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung, sein besonderes Interesse galt der Wirtschafts- und Sozialpolitik. 1920 wurde FD zum Honorarprofessor für physikalische Grundlagen der Medizin an die Universität Frankfurt berufen, die ihm ein Institut einrichtete. Da die Universität ihm und einer Reihe hervorragender Wissenschaftler, die FD für sein Institut gewann, nicht die erforderlichen finanziellen Mittel zur Verfügung stellen konnte, gründete er 1921 durch den Verkauf seiner VEIFA-Werke eine Stiftung, die durch ihre Zinserträge die Forschungen ermöglichte. 1922 wurde er ordentlicher Professor. Obwohl durch die Inflation 1929 das Stiftungsvermögen fast ganz verlorenging, konnte das Institut durch den Zusammenhalt und die Opferbereitschaft der Mitglieder gerettet werden. Als 1922 die Zentrumszeitung `Frankfurter Volkszeitung' in größte wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, entwarf FD als einer der betroffenen Gesellschafter ein Programm für die Sanierung der Zeitung und finanzierte aus eigenen Mitteln die notwendige Kapitelerhöhung, weil er nur zu gut die politische Bedeutung dieser Zeitung erkannte. Am 12. Februar 1923 wurde er von der Generalversammlung in den Aufsichtsrat gewählt, dessen Vorsitz er gleichzeitig übernahm. Als 1923 die `Offenbacher Volkszeitung' ihr Erscheinen einstellte, wurde sie von FD aufgekauft, mit der `Frankfurter Volkszeitung' fusioniert und erschien ab dem 1. Oktober 1923 unter dem neuen Namen `Rhein-Mainische-Volkszeitung'. Zum Verlagsleiter bestellte er den 26jährigen Dr. Josef Knecht, zu Redakteuren Heinrich Scharp, Werner Thormann und Walter Dirks. Durch sie wurde die `Rhein-Mainische Volkszeitung' für zehn Jahre zu einem überregionalen Sprachrohr der jungen Vertreter eines progressiven, sozial engagierten Katholizismus. 1934 wurde von der NSDAP eine landesweite Hetzkampagne gegen FD und seine Mitarbeiter gestartet, die dem `Juden' FD vorwarf, er habe sich mit unlauteren Methoden in den Besitz der `Rhein-Mainischen Volkszeitung' gebracht. Im Im Herbst 1924 wurde FD als Spitzenkandidat der Zentrumspartei im Wahlkreis Hessen-Nassau aufgestellt und bei den Wahlen im Dezember in den Berliner Reichstag gewählt. Dort war er federführend bei der Abfassung der `wirschaftspolitischen Leitsätze' des Zentrums 1928/29. In seinen idealistischen Vorstellungen von einer `kooperativen Wirtschaft' vertrat er die Grundsätze des Solidarismus der katholischen Soziallehre. Als die Regierung Brünings in der Wirtschaftskrise 1929/30 vor große Probleme gestellt war, erwies sich FD als fachkundiger Berater. Er wurde engster Mitarbeiter und Freund von Reichskanzler Brüning. Im Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Bei der namentlichen Abstimmung am 24. März 1933 zum `Ermächtigungsgesetz' erklärte FD zwar seinen Widerstand, beugte sich bei der Abstimmung jedoch der Fraktionsdisziplin. Fritz Baade erinnerte sich 1948, daß FD und einige andere Zentrumsabgeordnete nach der Abstimmung weinend zu ihm gekommen seien und sagten, sie seien überzeugt gewesen, daß sie im Falle ihrer Verweigerung ermordet würden (Morsey 1992, 164). Am 21. Juni wurde FD vorübergehend festgenommen, am 3. Juli, dem Tag der Selbstauflösung der Zentrumspartei, in Schutzhaft genommen, am 10. Oktober vor dem Landgericht Mönchengladbach wegen seines angeblichen Freundschaftsverhältnisses zu dem Landesverräter Dr. Wilhelm Mühlon angeklagt, doch am 20. Dezember 1933 freigesprochen. Trotzdem wurde sein Vermögen beschlagnahmt und ihm jede weitere Tätigkeit an der Universität verboten. 1934 emigrierte FD nach Istanbul. An der dortigen Universität waren bereits mehrere deutsche Kollegen tätig. FD wurde Professor und baute ein neues radiologisches Institut für physikalische Therapie auf. In Istanbul hatte er eine schwierige und nicht unangefochtene Position, weil er, obgleich von Haus aus Physiker, in die Medizinische Fakultät integriert wurde. 1937 nahm er, vor allem aus gesundheitlichen Gründen, einen Ruf an die Universität in Fribourg/CH an. Obwohl ihn die Fribourger Universität nach dem Zweiten Weltkrieg bat, noch weitere zehn Jahre zu verbleiben und ihm größere Forschungsmittel zur Verfügung stellte, kehrte FD 1953 nach Frankfurt a.M. zurück. 1947 wurde ihm die Leitung seines ehemaligen Instituts vom Frankfurter Magistrat angeboten. 1948 erwarb FD die schweizerische Staatsangehörigkeit, am 30. September 1949 wurde der von den Nazis 1941 ausgebürgerte vom Land Hessen wieder eingebürgert. Am 9. Juni 1950 hielt er seinen ersten Vortrag in Frankfurt. Am 9. Januar 1951 nahm er seine Vorlesungstätigkeit über Biophysik und Naturphilosophie in Frankfurt wieder auf, beendete mit dem SS 1953 seine Professur in der Schweiz und zog nach Frankfurt in seine ehemalige Wohnung in der Stresemann-Allee 36 um. Die letzten Jahre bis zum SS 1960 las er im größten Hörsaal der Frankfurter Universität, der dennoch überfüllt war, über naturphilosophische Probleme. Mit großen Ehrungen überhäuft starb FD am 16. Februar 1963 in Frankfurt und wurde am 21. Februar auf dem Altstadtfriedhof in Aschaffenburg beigesetzt.
Bibliographie: Friedrich Dessauer. Festakt der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt a.M. und der Stadt Frankfurt a.M. am 14.11.1981 in der Aula der Universität. Frankfurt a.M. 1981, 65-68.
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Schriftenreihe der Rhein-Mainischen Volkszeitung; 2, hrsg. von Friedrich Dessauer und Ernst Michel); Bedeutung und Aufgabe der Technik beim Wiederaufbau des Deutschen Reiches, Berlin 1926; Die Wirtschaftspolitik, in: Politisches Jahrbuch 2 (1926), 160-179; Das nationale Bauprogramm, hrsg. von Heinrich Brüning / Friedrich Dessauer / Karl Sander, Berlin 1927; Philosophie der Technik. Das Problem der Realisierung, Bonn 1927 [19282]; Erneut hrsg. unter dem Titel: Streit um die Technik, Frankfurt a.M. 1956; Gefahren und Führung der Wirschaftspolitik mit besonderer Berücksichtigung der Daweslasten, in: Politisches Jahrbruch 3 (1927/28), 218-235; Recht, Richtertum und Ministerialbürokratie. Eine Studie über den Einfluß von Machtverschiebungen auf die Gestaltung des Privatrechts, Mannheim 1928; Kooperative Wirtschaft I. Das kooperative System, Bonn 1929 [19702], darin Anhang: Zum wirtschaftspolitischen Programm der Zentrumspartei. Referat erstattet auf dem Kölner Reichsparteitag der deutschen Zentrumspartei im Dezember 1928; Wie erziehen wir republikanische Menschen? Mit einleitenden Worten vom Reichsminister des Innern Carl Severing, Langensalza 1929 (Republikanische Erziehung; 1); Deutscher Weg seit 1918, Frankfurt a.M. 1930 (Frankfurter Universitätsreden; 34); The question of fundamental biological reaction of radiation, in: Radialogy 14 (1930), 3-16; Was will das kooperative Wirtschaftssystem?, in: Schönere Zukunft 5 (1930), Nr. 33, 797-798; Bolschewismus und Westbürgertum. Gedanken um das Schicksal des Abendlandes, in: Hochland 28 (1930/1931), 481-500; Das Zentrum, Berlin 1931 (Die geistige Struktur der politischen Parteien Europas. Deutsches Reich; 1); Zehn Jahre Forschung auf dem physikalisch-medizinischen Grenzgebiet, Institut für physikalische Grundlagen der Medizin, Frankfurt a.M. 1931; Befreiung der Technik, zus. mit Karl August Meissinger, Stuttgart 1931 (Wege der Technik; 9); Über primäre Vorgänge der Strahlenwirkungen, in: Archiv für experimentelle Zellforschung 11 (1931), 65-86; Im Kampf mit der Wirtschaftskrise. Gemeinverständliche Darstellung der Wirtschaftslage und der Möglichkeiten ihrer Überwindung, Frankfurt a.M. 1932; Krisenwende?, zus. mit Franz Curt Fetzer, Frankfurt a.M. 1932; Strahlung und Lebensvorgänge, in: Zeitschrift für Krebsforschung 35 (1932), 287-300; Neue Aufgabe der Biophysik, in: Strahlentherapie 47 (1933), 17-24; Quantenphysik der biologischen Strahlenwirkungen, in: Zeitschrift für Physik 84 (1933), 218-221; Die Seele im Bannkreis der Technik, zus. mit Xavier Hornstein, Olten-Freiburg i.Br. 19421 [19522]; Wissen und Erkenntnis. 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